2015

Ein Unbehagen durchfuhr den Sozius, als er den Haustürschlüssel umdrehte. Etwas war anders an diesem Abend, das fühlte er. Er schloss die Tür hinter sich, legte seine schwarze Lederjacke ab und durchschritt den Flur in Richtung Wohnzimmer. Und da war er, der Grund für sein Unbehagen: Mitten auf der Couch saß ein Mensch mit einem tief ins Gesicht gezogenen Hut. Kurz nahm der Sozius das silbrige Aufblitzen eines Pistolenlaufs wahr. Dieser Lauf war auf ihn gerichtet, während der Griff auf dem Oberschenkel des Unbekannten ruhte.

Eine tiefe Männerstimme durchbrach die Stille: „Das Licht lassen wir bitte aus!“

Der Sozius blieb zunächst regungslos im Türrahmen stehen: „Wie kommen Sie in mein Haus?“

„Ihre Putzfrau hat die Terrassentür aufgelassen.“

„Ich habe keine Putzfrau!“

„Gut zu wissen.“ Der Mann auf der Couch schnalzte mit der Zunge und lachte. Der Sozius entspannte sich und betrat den Raum. Er fand Gefallen an dem schummrigen Licht und fragte sich, warum er nicht öfter am Abend auf die künstliche Beleuchtung verzichtete.

Im Augenwinkel bemerkte der Sozius, wie der Pistolenlauf seinem Weg folgte. Keine Sekunde war er außer Lebensgefahr, das spürte er. Trotzdem schlenderte er betont gelassen zum Kamin hinüber. Auf dessen Ablage standen vier symmetrisch auf einem dünnen Tuch angeordnete Gläser.

„Möchten Sie lieber einen schottischen oder einen irischen Single Malt?“

„Ich trinke nicht im Dienst!“, brummte der Fremde.

„Zu schade, Sie verpassen da etwas! Ein Glück, dass ich für heute Feierabend habe.“ Damit holte der Sozius eine Flasche des irischen Whiskeys aus einer verborgenen Wandvertiefung neben dem Kamin hervor. „Ich kann Ihnen aber auch gerne ein Stück Butter reichen. Außer Sie dürfen auch keine Butter während der Dienstzeit essen.“

„Was? Was soll der Quatsch?“

„Die Iren verstehen sich auf zwei Dinge: Whiskey und Butter! Beim Whiskey fehlt allerdings der typische Rauchgeschmack, den man von den Schotten und ihrem Scotch kennt. Im Unterschied dazu trocknen die Iren die gemälzte Gerste nämlich ohne Torffeuer. Gerade dieser kleine Unterschied erlaubt es ihnen, ganz andere Geschmacksnuancen zu kreieren“, schwärmte der Sozius und schenkte sich ein Glas ein. „Aber auch die irische Butter hat es in sich! Sie ist so ursprünglich, so cremig. Und dazu noch so schön golden. Ein wahrer Leckerbissen, nicht wahr? Doch was ist ihr Geheimnis?“

Der Mann auf der Couch schien verwirrt. Er wusste keine Antwort auf die Frage. „Wegen dem irischen Weiderind?“, versuchte er es mit einem Spruch aus der Werbung. Denn auch er hatte irische Butter in seinem Kühlschrank. Sie war gerade im Sonderangebot gewesen.

Der Sozius nahm das gefüllte Glas auf und ging zu einem Ohrensessel, der genau gegenüber der Couch stand. Nur ein runder Glastisch trennte ihn jetzt noch von dem Eindringling. Er warf einen Blick auf die Pistole und fragte: „Ist es für unser Gespräch in Ordnung, wenn ich hier Platz nehme? Ich denke, wenn ich Ihnen direkt gegenübersitze, ist es etwas entspannter für ihr Handgelenk. Sie scheinen ein wenig verkrampft.“ …


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